Dienstag, 12. Juli 2011

Ein Bauer auf Abwegen


In Suech, einer kleinen Ortschaft nördlich von Albi, hat man sich für die heutige Etappe etwas ganz besonderes ausgedacht. Albert Ladron, im Erwerbsberuf Milch- und Getreidebauer, wird allerdings schon ein wenig mulmig zu Mute, wenn er an das denkt, was er da vor sich hat.
Doch zuvor ein Rückblick. Die Tour de France kommt in dieser Region eigentlich in jedem Sommer zu Besuch. Sie gehört einfach zum Leben und ebenso gehört es sich für die Einwohner, der Tour ihren Respekt zu zollen und sich an die Strecke zu begeben. Dort wird dann stets ein großes „Picnique“ veranstaltet.
Das fällt für Albert Ladron und seine Freunde in diesem Jahr allerdings etwas ungewöhnlich aus: Die Männer aus der Gegend von Suech werden die gut 15 Kilometer bis zur Tourstrecke nämlich zu Fuß zurücklegen – müssen.
„Wie das anfing weiß ich gar nicht mehr richtig“, schüttelt Ladron zögernd den Kopf. „Ich glaube, das war im letzten Jahr bei der Tour.“ Da waren die Eheleute Ladron mit einigen Freunden zur Strecke gepilgert und hatten sich einen schönen Nachmittag gemacht. Und wie es so ist - Männer und Frauen amüsierten sich gemeinsam, doch es waren die Frauen, die ihre Männer anschließend wieder nach Hause chauffierten. Wie immer bei solch einem gemütlichen Beisammensein war nämlich mehr Wein geflossen, als für die Männer gut war.
„Unsere Frauen streiken in diesem Jahr“, fasst Albert kleinlaut die Konsequenzen aus dem Vorjahr zusammen. Da half noch so viel betteln und bitten nichts. Die Frauen blieben standhaft. Sollten ihre Männer doch sehen, wie sie zur Tour kommen!
„Da sind wir natürlich auch irgendwann stur geworden“, grinst der Bauer verschmitzt. „Wir haben uns zusammen gesetzt und überlegt, wie wir denn nun zur Tour kommen können“. Das Rennen einfach ausfallen zu lassen, kam für die Fans natürlich nicht in Frage. „ Erst haben wir überlegt, ob wir einfach mit dem Taxi fahren. Aber dann wurde es eine lustige Runde, und wir haben entschieden, dass wir zu Fuß gehen werden.“ Ein Schelm, wer beim Entscheidungsfindungsprozess abermals zu viel Wein vermutet.
In den Tagen vor der Tour wuchs bei Albert Ladron und seinen Freunde der Respekt vor ihrem Vorhaben. Die Landschaft rund um Suech ist nämlich durchaus hügelich. Von Landwirtschaft und großen Gehöften geprägt, lädt die schöne Gegend aber zugleich ein, um ausgedehnte Wanderungen zu unternehmen. Nur gut vorbereitet sein muss man. Und das sind die stolzen Pilgerer, die sich vorher ordentlich mit Verpflegung versorgt haben. Die Nahrung weist allerdings überwiegend eine flüssige Konsistenz auf.
„Wir gehen morgens um sieben Uhr los. Wir wollen dem Fluß Ceret folgen, und dann kurz vor Carneaux auf die Strecke der Tour treffen.“ Stühle und Tische werden sie mitnehmen, unter dem Arm geklemmt. Und die Kühltruhe darf natürlich auch nicht fehlen. „Aber die wird ja unterwegs leichter werden“, schmunzelt Ladron. Trotzdem dürften die fünf Herren ordentlich zu schleppen haben.
Zum Ende des Gespächs gibt Bauer Ladron dann etwas kleinlaut noch eine Einschränkung preis. Die Damen werden nämlich mit dem Auto vorfahren, um für alle gute Plätze zu sichern. Vor allem aber, um ihre nach 15 Kilometer Wanderschaft müden Männer mit selbstgemachten Leckereien zu empfangen. Einem gemütlichen Picknick steht also auch in diesem Jahr nichts im Wege. Und natürlich werden die Frauen ihre Männer auch in diesem Jahr hinterher wieder nach Hause kutschieren. „Das war doch schon immer so“, grinst Albert Ladron.
So kommen sie am Ende alle zu ihrem Recht. Vor allem aber wird der Spaß wieder im Vordergrund stehen. So ist bei den lustigen Bauern von Suech, bei denen die Tour alljährlich vorbeischaut.

Montag, 11. Juli 2011

Zum Ruhetag: Die TdF 1934



Entnommen aus der Enzyklopädie Tour de France. Nachdem im letzten Jahr die Bergwertung eingeführt worden war, gab es auch in diesem Jahr eine richtungsweisende Neuerung: Erstmals in der Tourgeschichte wurde auf der drittletzten Etappe ein Einzelzeitfahren ausgetragen.
Nur 60 Teilnehmer hatten sich angemeldet, so wenig wie seit 1905 nicht mehr.
André Leducq war aufgrund einer Meinungsverschiedenheit mit Tourchef Desgrange nicht am Start. Die Kapitänsrolle im französischen Team übernahm Charles Pélissier. Auch Antonin Magne war in Topform, und man erwartete einen spannenden Zweikampf zwischen ihm und Vorjahressieger Georges Speicher. Die Deutschen wurden von Henri Desgrange mit Anerkennung überschüttet. Stöpel, Geyer, Buse, Kutschbach, R. Wolke, Nitschke, Risch und B. Wolke füllten das deutsche Team.
Um Punkt acht Uhr morgens ging es von der Rue Fauberg Montmartre auf den Weg zum Start. Als das französische Team als letztes die heiligen Hallen der „L’Auto“ verließ, kannte der Jubel keine Grenzen. Über zwei Stunden dauerte es, bis die Teilnehmer sich ihren Weg zum Startplatz in Vésinet gebahnt hatten!
Kurz nach dem Start versuchte Lapèbie sich abzusetzen, Charles Pélissier und René Vietto setzten ihm aber nach und brachten somit erstmals Bewegung ins Feld. Im Hippodrome des Flandres in Lille gewann Speicher vor Romain Maes die Etappe. Willi Kutschbach wurde sensationell Sechster. Leider beendete Kurt Nitschke das Rennen bereits am ersten Tag. Ihn ereilten zahlreiche Reifendefekte, so dass er schon nach kurzem zu viel Zeitrückstand hatte.
Auch auf der zweiten Etappe gab es zahlreiche Pannen und Stürze. Auf dem Kopfsteinpflaster des Nordens schieden einige Fahrer aus. Neben dem Schweizer Blattmann war es noch Rafaele Di Paco, der das Rennen beenden musste. Auch René Le Grevès stürzte, konnte sich aber gleich wieder aufrappeln. Mit Magne und einigen anderen fuhr er in die Radrennbahn in Charleville ein und gewann die Etappe im Sprint. Geyer und Buse kamen mit dieser Führungsgruppe ins Ziel. Deutschland hatte sich damit in der Teamwertung auf den zweiten Platz vorgeschoben.
Am vierten Tag ging es in die Vogesen. Und er begann gleich hervorragend für das deutsche Team. Die Gebrüder Wolke setzten sich vom Feld ab und fuhren gemeinsam einen Vorsprung heraus. Leider wurden sie von einer Bahnschranke gestoppt, und das Verfolgerfeld schloss auf. Danach versanken sie im Peloton. Roger Lapébie siegte vor Morelli. Antonin Magne konnte sein Gelbes Trikot allerdings verteidigen.
Die fünfte Etappe führte bereits in die Richtung Alpen. Hermann Buse eröffnete die Angriffe. Er strotzte an diesem Tag vor Kraft und konnte dem Peloton entfliehen. Erst am Col de la Faucille hatten sie ihn wieder eingeholt. Eine große Führungsgruppe kam ins Ziel. René Le Grevès und Georges Speicher waren die Schnellsten im Sprint und wurden trotz eines Fotosvergleichs beide zum Sieger erklärt. Der Franzose Antonin Magne fuhr bislang gut mit und verteidigte Tag für Tag sein Gelbes Trikot.
Die sechste Etappe wurde erst mittags um halb zwölf gestartet. Fast dreißig Grad herrschten und sorgten dafür, dass das Feld erst langsam in Schwung kam. Der Italiener Giu-seppe Martano riss als Erster aus, musste seinen Tritt nach einiger Zeit aber wieder verlangsamen. Der kleine Schwächeanfall kostete ihm einige Meter und die „Touristes routiers“ Vervaecke, Molinar und Morelli konnten ihn einholen. Auch Magne war kurz danach bei ihnen. Auf der Abfahrt stürzte Vervaecke dreimal, und auch Kurt Stöpel, der sich eine gute Position erkämpft hatte, ereilte das Pannenpech. Er fiel dadurch noch weiter zurück. Georges Speicher gewann die Tageswertung.
Auch der nächste Tag führte das Feld durch die Alpen. Kurz nach dem Start fuhr der Spanier Ezquerra davon und er hatte auch genügend Energie, den ersten Gipfel zu erklimmen. Auf dem Col du Télégraphe kam der Spanier als Erster an, danach der 20-jährige Franzose René Vietto. Antonin Magne im Gelben Trikot kämpfte sich auf der Abfahrt ebenfalls heran. Vietto war voller Energie und riss erneut aus. 50 Kilometer fuhr der tollkühne Franzose alleine über die Berge. Seinen letzten zähen Widersacher Ezquerra hängte Vietto auch ab und gewann die Etappe souverän. Die deutschen Wolke-Brüder hatten Pech und kamen trotz großem Engagement erst nach Kontrollschluss ins Ziel und mussten das Rennen beenden. Geyer kämpfte sich ebenfalls durch den Tag. Eine Magenverstimmung bremste ihn jedoch. Wie ein Häufchen Elend saß er in seinem Sattel, erreichte aber trotzdem das Ziel.
Am nächsten Tag war Ludwig Geyer wieder fit. Pastorelli war ausgerissen, und Geyer fuhr ihm nach. Einfangen konnte er ihn aber nicht. Etappensieger wurde Guiseppe Martano vor Antonin Magne.
Die neunte Etappe war eine gute für die Deutschen. Geyer war immer wieder die treibende Kraft bei Ausreißversuchen und setzte sich damit hervorragend in Szene. Auch Kurt Stöpel war gut in Form. In den letzten Tagen hatte er viel Pannenpech, aber im Laufe des Tages arbeitete er sich immer weiter nach vorne. Star des Tages aber war der Franzose René Vietto. Er feierte klar den Tagessieg, mit über zwei Minuten Vorsprung vor dem Tageszweiten Edoardo Molinar.
Auf der zehnten Etappe stürzte der Belgier Romain Maes und musste umgehend ins Krankenhaus gebracht werden, wo er sofort operiert wurde.
Beim Start in Nizza wurden die Fahrer auf äußerst liebevolle Art verabschiedet. „Das ist die Liebe der Matrosen“ schallte es aus tausenden Kehlen, denen das städtische Orchester musikalische Begleitung gab. René Vietto fühlte sich heute besonders wohl, ging es doch über seinen „Hausberg“ Col de Braus, auf dem er auch prompt als Erster ankam. Obwohl unmittelbar an seinem Hinterrad Martano fuhr, der sich auch auf der Abfahrt nicht abschütteln ließ. In Monte Carlo wurden die beiden von einer unglaublichen Menschenmenge empfangen, und Schulter an Schulter fuhren sie durch ein Zuschauerspalier. Magne war weit weg. Drei Minuten lag der Träger des Gelben Trikots schon hinter ihnen. Vietto gewann mit haudünnem Vorsprung die Etappe. Antonin Magne kämpfte und konnte seinen Vorsprung in der Gesamtwertung vor Martano ebenso hauchdünn verteidigen.
Der größte Teil der 13. Etappe führte das Peloton durch die heiße vegetationslose Crau-Region in Südfrankreich. Dementsprechend dümpelte auch die Etappe dahin. Erst im Ziel wurde es hektisch und den Franzosen unterlief ein fataler Fehler. Anstatt Magne darin zu unterstützen, dass er die Etappe gewinnen konnte und damit auch die 1:30 Minute Zeitgutschrift, zog sein Kollege Speicher an ihm vorbei und sicherte sich den Tagessieg.
Auch am nächsten Tag wurde gebummelt. Das ärgerte Organisator Desgrange dermaßen, dass er im Velodrom von Perpignan ein Extrarennen austragen ließ, um den wahren Tagessieger zu ermitteln. Roger Lapébie entschied das Rennen für sich.
Immer noch angesäuert schickte Desgrange das Peloton zur 15. Etappe erst eine Stunde später auf die Reise. An den ersten Steigungen zum Mont St Louis trat Magne wuchtig an und überraschte Martano damit völlig. Magnes Kollegen formierten sich daraufhin, um die Verfolger zu bremsen. Das gelang nur für kurze Zeit, denn Magne war bald wieder eingefangen. Auf der Abfahrt vom Puymorens fuhren Vietto und Magne Seite an Seite, als Antonin bei Tempo 70 stürzte. Sofort war sein Kollege bei ihm, schraubte sein Vorderrad ab und bei Tonin ran. Sein unverletzter Kapitän konnte so weiterfahren, während der traurige Vietto auf den Materialwagen wartete. Damit hatte er seinem Kapitän das Gelbe Trikot gesichert.
Auch die 16. Etappe ging noch durch die Pyrenäen. Bis zum Anstieg des Col de Port passierte nichts und das Feld fuhr einträchtig nebeneinander. Die Wege waren mit Schlaglöchern übersät, und es war nicht leicht zu fahren. Am Col de Port sprintete Vietto dann los, Martano ging hinterher. Mit ihm noch drei Spanier, sowie Geyer und Lapébie. Aber Vietto hatte schon genug Vorsprung und zwei Kilometer unterhalb des Gipfels war er noch immer an der Spitze. Sein Kapitän Magne hatte am Col des Ares einen Kettenriss und Vietto musste sich zurückfallen lassen. Das kostete ihn den Etappensieg, sicherte seinem Kapitän aber erneut das Gelbe Trikot und ihm selber zahlreiche Sympathien im französischen Volk. Geyer wurde Neunter der Etappe.
Am nächsten Tag fuhr Antonin Magne das Rennen seines Lebens und entschied die Tour de France für sich. Der Gesamtzweite, Martano, verlor an diesem Tag 13 Minuten und war nun über 20 Minuten hinter ihm in der Gesamtwertung.
Die nächsten Etappen waren von Ereignissen nicht gerade geprägt. Auf der 19. Etappe ließ Tonin Magne sein Rad in Mont-de-Marsan nach 83 Kilometer aufs Pflaster fallen und rannte zu einer hübschen Dame. Freudig küsste er sie und brachte seine Kollegen damit zum Schmunzeln. Es stellte sich heraus, dass es Tonins Braut war, die er gleich nach der Tour ehelichen wollte. Schüchterne Ausreißversuche wurden immer wieder im Keim erstickt.
Beim zweiten Abschnitt der 21. Etappe, dem Einzelzeitfahren, kam wieder ein wenig Stimmung auf. Jeder Fahrer wurde von der ortseigenen Kappelle mit lautem Tusch verabschiedet. Stöpel hatte eine Reifenpanne und Ludwig Geyer wurde sensationell Dritter.
Die letzte Etappe nach Paris wurde eine einzige Triumphfahrt für Antonin Magne und René Vietto. Die Ausfallstraßen der Hauptstadt waren mit Menschen gesäumt, und der Prinzenpark platzte aus allen Nähten. Seit acht Uhr morgens wartete ein Großteil der Besucher schon im Stadion aus.

Sonntag, 10. Juli 2011

Urlaub im Zeichen der Tour


Seit dem Sommer 2000 sind Inge und Richard Popp jedes Jahr im Sommer bei der Tour de France zu Besuch. Während andere Anhänger zumeist in die Alpen und Pyrenäen tigern, machen es sich die beiden Bayern im Zentralmassiv gemütlich.
In elf Jahren Tour de France erlebt man so einiges und man sieht vieles. So auch die beiden Rentner, die mit ihrem Wohnmobil gerne in Frankreich unterwegs sind. Ihr Gefährt ist geschmückt, mit liebevollen Details, die ihre Radsportleidenschaft verraten. Sie jubeln jedem zu, der im Feld an ihnen vorbei fährt, egal von welcher Nationalität und aus welcher Mannschaft der emsige Radler kommt.
Ihr Zuhause ist Burgbernheim, in der Nähe von Rothenburg ob der Tauber, eines von Deutschlands beliebtesten Touristikzielen. Nachdem Richard Popp in den wohlverdienten Ruhestand schied, legten sie sich ein Wohnmobil zu und gingen fortan regelmäßig auf Reisen. Nach dem ersten Tourbesuch war klar: Da müssen wir wieder hin!
Beide sprechen kaum Französisch, haben aber keinerlei Berührungsängste. „Wenn die Franzosen merken, dass du auch nur ein Wort ihrer Sprache sprichst, dann antworten sie gleich im ganzen Wortschwall“ erzählt Richard. Schlechte Erfahrungen haben sie in alle den Jahren nicht gemacht, eher im Gegenteil „man hat uns immer geholfen, wenn wir ein wirkliches Problem hatten“ fügt Inge ein.
Gemütlich sind sie frühzeitig auf der Strecke unterwegs. Manchmal kommen sie aber auch da zu spät. Sie stehen kurz hinter dem Ortsausgang von Lavigerie, noch knappe zehn Kilometer unterhalb des Puy Mary. Aber knapp ein Kilometer weiter ist die Straße schon seit einiger Zeit gesperrt und die örtliche Gendamerie lässt da auch keinen mehr durch. „Dieser Platz ist auch herrlich. Der Ausblick ist atemberaubend und hier bekommt man doch auch alles mit“ erzählt Inge. Und so ist es. Unglaubliche Weite, unterbrochen von vereinzelten erloschenen Vulkanen, ein saftiges Grün und eine lange gerade Straße, auf dem das Peloton entgegen gerauscht kommt. Auf der Straße herrscht rege Betriebsamkeit, manche Fahrer hupen und winken. Die engen Straßen zum hinauf zum Puy Mary geben auch kaum Parkmöglichkeiten her. Ausnahmsweise ist es unten voller als oben.
Richard Popp hat seine Fahnen gehisst. „Wenn Deutsche kommen, dann sehen sie gleich, das Landsleute da sind“ erläutert er, „da hat sich schon so manch netter Kontakt ergeben.“
Ihre schönsten Erlebnisse hatten sie 2007 am französischen Nationalfeiertag. Dort waren sie südlich von Genf in Cruseilles. Da passte alles. Das Wetter, der Standplatz und die Umgebung. Ein großes Grillfest von Einheimischen fand in unmittelbarer Nähe statt, und sie waren mittendrin.
Zwischen vier und fünf Wochen sind sie in diesem Jahr unterwegs. Begonnen haben sie in der Bretagne, wo sie außerhalb von Lorient ihren ersten Standort hatten. Nun hat sie ihr Weg ins Zentralmassiv geführt, bevor sie die Tour nochmal in den Alpen besuchen. „Nein, die Pyrenäen lassen wir in diesem Jahr aus, dort ist es am Tourmalet immer zu voll“ erklärt Inge. Und auch nach Alpe d’Huez geht die Reise nicht. Irgendwo mittendrin aber doch ein wenig am Rand, dass ist ihr Lieblingsplatz.
Nachdem das Peloton dann an ihnen vorbei gekommen ist, und auch der letzte Fahrer ihr Wohnmobil passiert hat, geht es schnell rein, und der Fernseher wird angeschaltet. „Ich muss doch wissen, wer die Etappe gewinnt“ sagt Richard. „Einmal in den Pyrenäen, da haben ganz viele Basken das Wohnmobil gestürmt, und wollten die Etappe zu Ende gucken. Da konnte ich gar nichts machen“ erzählt er halb empört und halb geschmeichelt.
Solange es ihre Gesundheit zulässt, werden sie wiederkommen zur Tour und erfüllt von Eindrücken und Begegnungen sich nach jeder Heimkehr schon auf die nächste Tour de France freuen. Gute Fahrt!

Donnerstag, 7. Juli 2011

Die Stimme der Tour


Daniel Mangeas ist der Sprecher der Tour. Und das schon seit über 30 Jahren. Den Spaß an der Arbeit hat er dennoch nicht verloren.

Wenn Daniel Mangeas am Morgen aus dem offiziellen „Velo“-Auto steigt, bildet sich innerhalb kurzer Zeit eine Menschentraube um ihn. Jeder möchte ihn anfassen und die Hand schütteln. Mangeas genießt das Bad in der Menge.
Seine emotionale Stimme kennt in Frankreich jedes Kind. Seit 1974 ist Mangeas der offizielle Sprecher der Tour de France. Jeden Vormittag verwöhnt er das Publikum bei der Einschreibung mit Informationen. Er ist nahezu ein wandelndes Radsportlexikon, von jedem einzelnen Teilnehmer der Tour de France hat Mangeas die Statistik im Kopf oder Anekdoten parat. Am Vormittag ist Mangeas entspannt. Er redet langsam und macht kleine Späßchen mit den Sportlern.
Am Nachmittag, wenn er seinen Arbeitsplatz im Zielbereich bezogen hat, ist Mangeas ein bisschen angespannter. Hier kommentiert er die Etappe und vor allem den Zieleinlauf. Berühmt ist Mangeas für seine Schlusskommentation, bei der er so schnell sprechen kann, das man meinen möge, seine Stimme würde sich überschlagen. Dennoch, auch als Nichtfranzose kann man ihn immer noch verstehen, unglaublich, welch Deutlichkeit in seiner schnellen Aussprache dann noch immer liegt.
Kaum zu glauben, dass Mangeas über Stunden die Tour de France kommentieren kann, ohne sich auch nur ein einziges Mal zu wiederholen. Für ihn ist es nicht nur ein Beruf. Es ist eine wahre Berufung und seine Freude an der Arbeit merkt man ihm jeden Tag an.
Mangeas ist in der rauen Normandie zu Hause. Mit vier Jahren war er das erste Mal bei der Tour de France. Sein Großvater nahm ihn damals mit an die Strecke. Sein Berufswunsch hat sich früh gebildet, denn schon mit 15 Jahren kommentierte er sein erstes Radrennen. Von da an war er von französischen Wettkämpfen nicht mehr wegzudenken.
Gerade ist Mangeas 62 Jahre alt geworden. Ans Aufhören kann er nicht denken. Über 200 Tage ist der Normanne im Jahr unterwegs und kommentiert Radrennen auf der ganzen Welt. Gerne wird er als Stargast eingeladen, der regionalen Wettkämpfen ein bisschen Publicity bringen soll. Das gelingt auch jedes Mal.
Sein Heimatort St-Martin-de-Landelles war vor einigen Jahren Etappenort der Tour de France. Ein Geschenk der Tourorganisation an seinen engagierten Sprecher. Für Mangeas war es ein besonderes Erlebnis, das Rennen auch mal vor seiner Haustür zu begrüßen. Denn obwohl er so verbunden ist mit dem „Event Tour“, so ist er im Herzen immer ein großer Radsportfan geblieben.
Die Fahrer blicken ehrfürchtig zu ihm auf, wenn er sich am Morgen bei der Einschreibung jemanden rauspickt zum Interview. Er macht es auch Neulingen leicht bei der Tour, lächelnd und unbekümmert geht er auf jeden von ihnen zu.
Wenn er Feierabend hat, dann schont Daniel Mangeas seine Stimme. Tee, egal bei welchen Temperaturen, trinkt er gerne und ansonsten vermeidet er es zu sprechen. Ein „Hallo“ hier, ein „Bonjour“ da. Mangeas ist ein ausdrucksvoller Mensch. Er muss nicht sprechen um seine Sympathie auszudrücken, er spricht mit den Augen zu jedem. Er ist bereit sich mit Fans gemeinsam fotografieren zu lassen, Autogramme zu geben, an eine Unterhaltung ist jedoch nicht zu denken – keiner ist ihm jedoch böse.
Mangeas ist ein Mensch des Volkes geblieben. Obwohl er täglich mit den ganz Großen im Radsport zu tun hat. Sicherlich ein weiterer Grund, das ihn die Menschen lieben und ihn als ihre „Stimme der Tour“ bezeichnen.

Dienstag, 5. Juli 2011

Mur-de-Bretagne. Ein Berg der besonderen Art



Mitten in einer endlos weiten Landschaft erhebt sich die Côte de Mûr-de-Bretagne. Von weitem kaum zu erahnen, taucht sie plötzlich auf und lässt selbst Bergziegen ehrfürchtig schaudern.
Ein einziges altes Wohnhaus wacht am Beginn des Anstiegs und erträgt stoisch das beständige Rauschen an der viel befahrenen Kreuzung. Ansonsten haben sich an der Route Firmen niedergelassen, die Landmaschinen und Gartengeräte verkaufen.
Zwischen Pontivy und Guingamp liegt der überschaubare Ort Mûr-de-Bretagne, in dem es zwar auch schon ordentlich hoch und runter geht, die ahnungslosen Fahrer aber nicht darauf hinweist, welche Herausforderung vor den Toren des Ortes noch auf sie wartet. Durchschnittlich 8,5 Prozent Steigung auf 1.600 Metern hört sich vielleicht nicht gerade gigantisch an, doch weil es schnurgerade aus geht, wirkt der Anstieg wesentlich wuchtiger als bei manch höherem Berg, an dem man sich von Kurve zu Kurve ziehen kann.
Die Côte de Mûr-de-Bretagne blickt auf eine über 60 Jahre alte Tourtradition zurück. 1947 stand sie im ersten Rennen nach dem Zweiten Weltkrieg während der 19. Etappe erstmals im Tourverlauf. Es war das längste Einzelzeitfahren der Tourgeschichte, als es über 139 Kilometer von Vannes nach St-Brieuc ging. Es war zudem das Jahr, in dem der Bretone Jean Robic die Tour de France gewann. Zwar trug er das Gelbe Jersey auf der damaligen Etappe noch nicht, lag im Gesamtklassement aber auf einem aussichtsreichen fünften Platz. Auf heimischen Boden fuhr er eine gute Etappe, beflügelt von den Anfeuerungen seiner Landsleute. Das ist bis heute Grund genug, dass die Bretonen aus allen Teilen der Region an die Côte de Mûr-de-Bretagne tingeln.
1977 wurde an der Erhebung erstmals um Bergpunkte gekämpft. Bergfloh und Kletterkünstler Lucien Van Impe holte sich die volle Punktzahl und wurde erneut der beste Bergfahrer. Gewinner der Etappe war jedoch der Deutsche Klaus-Peter Thaler. Didi Thurau fuhr derweil im Gelben Trikot über die Côte de Mûr-de-Bretagne und zog zahlreiche deutsche Touristen an die Strecke. Die Straßenränder und nebenstehenden Äcker waren von fröhlichen und lautstark jubelnden Fans gesäumt.
2004 und 2006 war die Tour de France erneut zu Gast und versetzte die Region rund um die Ortschaft erneut in den Ausnahmezustand. Bauern räumten ihre Felder und verwandelten sie in Parkplätze, einige ganz fanatische Anhänger reisten schon Tage vorher an. Fast wie beim „echten“ Alpe d’Huez, wird auch beim "bretonischen Alpe d'Huez" gepinselt und gemalt, herrscht laute Begeisterung, wenn die Helden endlich über das Pflaster rollen. Ungleich des Alpe d'Huez ist die Côte de Mûr-de-Bretagne aber noch immer ein Familienberg und keine Partymeile.
Nach zwei tourlosen Jahren wurde es nach Ansicht vieler Einwohner Zeit, dass der Tour-Tross 2008 endlich wieder durch ihre Ortschaft zog. Die Côte de Mûr-de-Bretagne ist ein Insidertipp. Weit weg von der Küste gelegen, steht die Region nicht auf den klassischen Touristenrouten. Man muss ihn schon kennen, diesen mystischen Berg. Wer vor der Straßenschließung kommt, findet reichlich und gut ausgeschilderte Parkplätze. Und selbst vor Regen und Sonne kann man sich unter den üppig gewachsenen Bäumen gut verstecken. Man sieht die Fahrer schon früh am Horizont erscheinen, doch es dauert schier endlos, bis sie dann endlich an einem vorbei kommen. In diesem Jahr ist die Mûr-de-Bretagne erstmals Etappenziel. Am Vorabend wird im Ort ein bretonisches Volksfest veranstaltet. Bretonen aus allen Teilen der Region werden an die Mûr kommen und den Berg mit den traditionellen schwarz-weißen Fahnen bestücken.

Montag, 4. Juli 2011

Radsport in der Bretagne

Radsport in der Bretagne. Das ist Leidenschaft, Emotion und pure Begeisterung. Aber damit noch nicht genug: Die Bretonen stehen nicht nur voller Dynamik am Straßenrand, sondern sie radeln auch selber viel.

Meist kommt der Wind von vorne, es geht auf und ab und häufig kommt auch noch Regen dazu. Den zähen und kampfstarken Bretonen macht das nichts. Im Gegenteil, es scheint sie regelmäßig zu beflügeln, sportliche Höchstleistungen zu vollbringen.
Den Anfang machte 1891 das Langestreckenrennen Paris-Brest-Paris, das immer eher den Amateuren vorbehalten war. In höchstens 90 Stunden muss man es geschafft haben, die knapp 1.200 Kilometer von Paris nach Brest und Retour zurückzulegen. Viel Zeit für Schlaf oder Nahrungsaufnahme bleibt da nicht. Dankbar ist man dann über jegliche Unterstützung. Und darin sind die Bretonen Weltklasse. In den kleinsten Gemeinden versammeln sich Menschen, um die heldenhaften Fahrer anzufeuern oder sie mit Getränken zu versorgen – auch mitten in der Nacht. Zahlreiche Bewohner fiebern dem alle vier Jahre (auch 2011) stattfindenden Event entgegen, andere trainieren in der Zwischenzeit für ihre eigene Teilnahme. Achille Joinard, ehemaliger FFC-Präsident, fasste die Begeisterung einmal kurz und knapp zusammen: „Das Fahrrad ist ein Kind der Bretagne“.
Bei soviel Begeisterung ist es nicht verwunderlich, dass die Tour de France schon 1905 das erste Mal zu Besuch in die Bretagne kam. Rennes war der Gastgeber und Louis Trousselier wurde der erste Etappensieger in der Bretagne. Brest feierte dann 1906 seine Tourpremiere und beeindruckte die Organisatoren dabei so sehr, dass die Stadt bis 1931 regelmäßig im Tourverlauf zu finden war. Über 120 bretonische Städte waren in über 100 Tourjahren Gastgeber. So viele, wie sonst nur in den Pyrenäen- oder Alpenregionen.
Nicht verwunderlich, dass die Region auch zahlreiche bemerkenswerte Radsportler hervorgebracht hat. Lucien Petit-Breton aus der Nähe von Nantes war 1907 und 1908 der erste Zweifachsieger der Tour der France.
Ihm folgten Jean Robic 1947, der allseits umjubelte Louison Bobet 1953-1955 und Bernard Hinault 1978, 1979, 1981, 1982, 1985. Die Bretagne stellt damit 30% der französischen Toursieger! Nicht vergessen darf man allerdings René Le Grevès (Tourteilnahmen zwischen 1933 und 1939), der nach Hinault mit 16 Etappensiegen der zweitbeste bretonische Etappenjäger ist. Ronan Penzec war 1990 der letzte Bretone, der sich das Gelbe Trikot überstreifen konnte.
Radsportfans haben mehrmals im Jahr die Möglichkeit, spannende Rennen zu besuchen. Die „Tour de Bretagne“ ist ein mehrtägiges Etappenrennen und der „Grand Prix de Plumelec“ beispielsweise zieht jedes Jahr Hunderte Fans an die Strecke. Radsport überall, von Frühjahr bis Herbst.
Im Jahr 2000 richtete der überschaubare Ort Plouay, nördlich von Lorient, die Weltmeisterschaften aus. Heute kann jeder sportlich Begeisterte die original WM-Route nachfahren. Eine perfekte Beschilderung weist auch auswärtigen Besuchern den Weg. Aber Plouay steht das ganze Jahr über voll im Zeichen des Radsports. Ein relativ neues Velodrome und der Veloparc ziehen Sportler aus der ganzen Region an. Im Veloparc finden sich verschiedene Routen für Moutainbiker, sowie ein hochgelobtes Radmuseum. Die Tour de France schaute auch schon mal vorbei. 1998 und 2004 war man Etappenort.
Aktuell ist das Team „Bretagne Schuller“ die regionale Vertretung als Professional Continental Team. Joël Blevin, Emmanuel Hubert und Roger Trehin sind die Radsportverrückten Manager des Teams, das seit ihrem Bestehen 2005 schon einige Erfolge gefeiert hat. Die Vorsitzenden möchten jungen Radsportlern der Bretagne ein Sprungbrett für den Profisport bieten.
Gut 350 Kilometer zieht der Tourtross in diesem Jahr durch die Bretagne und man kann sicher sein, das die Begrüßung und die Euphorie in jedem Ort brillant sein wird und sicherlich werden sich die bretonischen Fahrer viel Mühe geben um vor heimischer Kulisse einen Etappensieg zu holen.

Freitag, 24. Juni 2011

Die Tour de France in der Bretagne - Tipps



Die Bretagne ist eine der am häufigsten besuchten Regionen Frankreichs. Obwohl sich gerade in den Sommermonaten überall an der mehr als 1.100 km langen Küste die Besucher tummeln, findet man abseits der Touristenattraktionen dennoch viele Möglichkeiten, Ruhe zu tanken. Die Landschaft könnte abwechslungsreicher nicht sein: Rau und windumtost der Norden, traditionsbelassen, aber abgelegen der Westen, sonnig sowie charmant der Süden. Der Osten wiederum markiert weltoffen und modern das „Tor der Bretagne“. Die Bretonen sind bodenständig, gastfreundlich und erfreulich tradionsbewusst. Gerade bei vielen jungen Leuten erlebt die kulturelle Tradition der Region derzeit ein ungeahntes Comeback. So erlernen beispielsweise viele von ihnen die Landessprache bretonisch („Breizh“), welche zwischenzeitlich fast ausgestorben
war. Dass die Bretonen über einen ausgeprägten Stolz verfügen, haben sie zuletzt 1997 bzw. 1998 mit ihren Protesten gegen die Kürzung der EU-Mittel bewiesen. Optisch prägt Landwirtschaft das Bild. Besonders Blumenkohl, Artischocken und Frühkartoffeln werden angebaut. An der Küste spielt natürlich der Fischfang eine große Rolle.

- Die Tour in der Bretagne Anno 1905 erreichte der Tourtross erstmals die Bretagne, und machte zugleich Halt in Rennes. Ein Jahr später drang das Peloton dann sogar bis in die westliche Küstenstadt
Brest vor. Seitdem kommt die Tour de France regelmäßig zu Besuch und versetzt die heimischen Fans in helle Aufregung. Denn - man mag es kaum glauben - die Bretonen sind das radsportbegeisterste Völkchen in ganz Frankreich! Bei Söhnen wie Bernard Hinault, Lucien Petit-Breton, Jean Robic („der Gnom aus den bretonischen Sümpfen“) oder Bobet ist dies freilich auch kein Wunder.
Hinzu kommt die Radsportlegende Paris-Brest-Paris, die nicht nur das wohl härteste Radrennen weltweit ist, sondern auch als Steigbügelhalter der Tour de France fungierte. Die Bretonen stehen aber nicht nur als Supporter am Straßenrand, sondern belegen auch in puncto „Selber-Radeln“ einen der vordersten Plätze der französischen Hitliste.
In kaum einer anderen Region warten derart viele hochkarätige Rennmaschinen in Kellern oder Schuppen auf ihren Einsatz. Da die Bretagne keineswegs ein so „plattes“ Land ist, wie man angesichts ihrer Küstenlage annehmen könnte, eignet sie sich hervorragend für den Radsport. Dennoch ist sie eher Terrain der Sprinter. Das Wetter wiederum ist ein besonderes Thema.
Die Region gilt nicht umsonst als niederschlagsreichster Landstrich Frankreichs. Hinzu kommt der Wind, der mitunter durchaus etwas heimtückisch sein kann - und „natürlich“ immer von vorne bläst. Einzelzeitfahren im strömenden Regen oder eine Zielankunft bei eisigem und stürmischem Westwind haben freilich ihren ganz besonderen Reiz. Und wer meint, solche Wetterkapriolen würde die Menschen zum Daheimbleiben animieren, der irrt. Gerade bei derartigen Bedingungen sind die Bretonen erst richtig in ihrem Element und veranstalten eine Riesenparty! 2008 wurde die Tour zum dritten Mal in der Bretagne gestartet und 2011 kommt der Tross erneut zu Besuch.

- Sehenswertes/Freizeit Zeugnisse keltischer Besiedelung gibt es in der Bretagne wahrlich an jeder Ecke zu entdecken. Megalithen, Kreisker (die typischen bretonischen Kirchtürme), Menhire und Dolmen finden sich selbst in kleinsten Ortschaften. Das größte und bekannteste Menhirenfeld liegt in Carnac im Süden der Bretagne. Knapp 2.800 mystische Steine können dort bei einer Führung besichtigt werden. Gleich um die Ecke liegt übrigens die landschaftlich sehr reizvolle Halbinsel Quiberon. Sie gilt als das beste Surfrevier der Bretagne, ist allerdings in den Sommermonaten von Touristen überlaufen. Im Norden lohnt ein Abstecher zur Côte de Granit Rose. Zwischen Perros- Guirec und Trégastel gelegen, schieben sich dort phantasievoll -
abstrakte Felsformationen ins Meer. Eine Wanderung auf den Spuren des alten Zöllnerpfades (GR34) führt an den aufregenden Klippen entlang. Ein Erlebnis der besonderen Art ist das Fußfischen („Péche á pied“). Dabei bewaffnet man sich mit Eimer, Schaufel und Netz und begibt sich bei Ebbe hinaus ins Watt, um Muscheln und Krebse einzusammeln. Diese werden abends lecker zubereitet - frischer geht’s nicht. Fußballfans sei ein Besuch des nordbretonischen Klubs „En Avant Guingamp“ empfohlen. Im heimischen „Stade Roudourou“ trifft sich am Spieltag die halbe Bretagne und macht ordentlich Stimmung (das Singen bretonischer Volkslieder ist im Stadion beispielsweise keine Seltenheit). Obwohl Guingamp „nur“ 8.000 Einwohner zählt, ist das Stadion mit 16.000 Plätzen häufig ausverkauft! Im Westen der Bretagne liegt der kleine Ort Locronan, der schon häufig als Filmkulisse diente. Wenngleich es im Sommer im mittelalterlichen Ortskern von Besuchern nur so wimmelt, ist Locronan allemal einen Blick wert. Im autofreien Zentrum (Parkplätze ausreichend vorhanden) sind heute Galerien, Ateliers und Kunsthandwerksbetriebe
untergebracht. Ein Geheimtipp an der bretonischen Küste ist das Wracktauchen. In jedem größeren Ort gibt es Tauchschulen, die gerne in die faszinierende Unterwasserwelt einweisen.

- Köstlichkeiten Neben deftigen Rindfleischgerichten (z.B King ha fars - Eintopf ) und Lammgerichten sind es vor allem Fisch und Meeresfrüchte, die in der Bretagne ganz oben auf dem Speiseplan stehen. Krusten- und Schalentiere, Moules (Muscheln), Huîtres (Austern) sowie diverse Salzwasserfische sind überall für wenig Geld zu bekommen. Als Getränk wird zumeist der aus Äpfeln gewonnene Cidre gereicht. Bretonische Nationalspeise aber sind Crêpes. Es gibt sie als süße Variante (Crêpes) oder gesalzen (Galettes). Die dünnen Pfannkuchen haben einen Stellenwert wie die Pizza in Italien, daher findet sich eine Crêperie auch nahezu an jedem Ort.

- Information Comité Régional de Tourisme, 1 rue Raoul Pouchon, 35069 Rennes, 0033 299 284430, tourismcrtb@tourismebretagne.com, www. tourismebretagne.com.
Weitere: www.cotedarmor.com, www.finisteretourisme.com, www. bretagne35.com, www. morbihan.de

entnommen aus dem neu gerade neu aufgelegten "Reiseführer Tour de France"

Dienstag, 21. Juni 2011

TOUR-PORTRÄT: Raymond Poulidor


Raymond Poulidor war während seiner aktiven Karriere der französische Radsportliebling, dabei hat er die Tour de France nie gewinnen können.

Jedes Kind in Frankreich kennt Raymond Poulidor. „Poupou“ wie ihn die Franzosen liebvoll getauft haben, ist heute mit 73 Jahren ein echter Volksheld.
Er begann seine Karriere 1960 und schon zwei Jahre später stand er im Aufgebot der Tour de France. 14 Mal ist er bei der Grand Boucle an den Start gegangen. Kein einziges Mal gewann er, keinen einzigen tag trug er das Gelbe Trikot.
Er hätte es durchaus verdient gehabt und das Potenzial die Tour de France zu gewinnen besaß „Poupou“ allemal. Sein Pech war, dass er zu Zeiten Jacques Anquetil (Toursieger 1957, 1961-1964) und Eddy Merckx fuhr. Zwar stand Raymond Poulidor am Tourende acht Mal auf dem Podium, vor ihm aber immer einer oder zwei, die besser waren als er.
Heute schmunzelt Poulidor darüber. „Nein, ich ärgere mich nicht“ sagt er, „zumindest erinnert sich jeder an mich“. Seine Freude darüber, dass er auch heute, im relativ hohen Alter von Jedermann erkannt wird, ist ehrlich.
Sieben Etappensiege feierte Poulidor und jedes Mal stand das Land Kopf vor Freude. Damals war Frankreich in zwei Fanlager geteilt: Die einen unterstützen Poulidour, die anderen Anquetil. Wobei deutlich mehr Sympathie Poulidor zuteil wurde. Im Gegensatz zu dem bodenständigen und stets freundlichen „Poupou“ war der Normanne Jacques Anquetil äußerst arrogant und eher unfreundlich. Raymond dagegen war kein Rennfahrer der aufgab, im Gegenteil: Nach jeder noch so bitteren Niederlage stand er am nächsten Tag wieder gut gelaunt und hochmotiviert am Start.
Bis heute legendär und fest in der Tourhistorie verankert ist sein Duell mit Anquetil im Jahr 1964. 55 Sekunden trennten Poulidor am Ende der Tour vom Gesamtsieg, so knapp kam er dem Gelben Trikot später nicht noch einmal. Er verlor den Toursieg am Puy-de-Dome, wo sein Rivale Anquetil schon seinen zweiten schwachen Tag hatte. Poulidor hatte seinem sportlichen Leiter Antonin Magne im Vorfeld versichert, dass er die Kehren des Vulkans auswendig kannte. Dem war aber nicht so, und somit verpasste Poulidor die Stelle, wo er am besten hätte attackieren können. Zwar hatte sich „Poupou“ am Ende der Etape bis auf 14 Sekunden an Anquetil heran gekämpft, aber er hätte dem Normannen locker die Führung entreißen können. Magne fluchte daraufhin lautstark.
Nach all den heißen Konkurrenzkämpfen, die sich die beiden über Jahre geliefert haben, liegt es jedem auf der Zunge, wie haben sich die beiden eigentlich außerhalb der Rennen verstanden? „Wir sind später wirklich Freunde geworden“ antwortet „Poupou“. Anquetil hatte kurz vor seinem Tod zu ihm gesagt „Siehst du, nun bist du schon wieder Zweiter“.
Anquetiel starb 1987 an Magenkrebs.
Poulidor selber nahm es am Ende einer Karriere alles mit Humor. 1976 drehte er für das Kaufhaus Samaritaine einen Werbesport. Frei nach dem Motto: Man kann sich jeden Wunsch erfüllen, marschiert Poulidor in ein Kaufhaus, kaufte dort ein Maillot Jaune und radelte durch die Pariser Innenstadt davon.
Seit 2001 steht Poulidor in den Diensten von Toursponsor Credit Lyonnais. An jedem Morgen sieht man ihm im Gelben Hemd lächelnd am Tisch sitzen und Hunderte Autogramme schreiben. Jeden einzelnen begrüßt er herzlich, fast wie einen alten Freund. Und wo immer er auch langgeht, da klopfen ihm die Menschen auf die Schulter. Dass„Allez Poupou“ in Frankreich seit den 1960er Jahren Synonym für Pechvogel ist, darüber kann der graumelierte Herr sich köstlich amüsieren.
In seinem Heimatort St-Léonard-de Noblat, unweit von Limoges, sind die Einwohner stolz auf ihren „Poupou“. Er nimmt am Dorfleben wie selbstverständlich teil und als 2004 der Start zur neunten Etappe im Ort stattfand, da stand der Ort Kopf. Für sie ist Raymond Poulidor zwar lediglich ein Nachbar, aber dafür der Größte den man sich vorstellen kann.

Mittwoch, 18. Mai 2011

Tour d'Afrique



Die Tour d’Afrique ist das längste Radrennen der Welt. 63 abenteuerlustige Sportler fahren derzeit von Kairo nach Kapstadt. Gerade war Halbzeit in Tansania.

Knapp 12.000 Kilometer, 95 Renn- und nur 23 Ruhetage. Das ist die nackte Statistik der Tour d’Afrique, die am 15. Januar in Kairo gestartet wurde und am 14. Mai in Kapstadt ihr Ziel erreichen wird. 10 Länder werden die Fahrer dann durchquert, dabei Abenteuer erlebt und persönliche Grenzen überwunden haben. Mitten drin auch Hardy Grüne, Fußballbuchautor aus Deutschland und seit Jahren ambitionierter Hobbyradler. Der 48-jährige Göttinger nimmt sich mit diesem ungewöhnlichen Urlaub eine Auszeit aus dem Alltag. „Ich brauchte mal einen richtigen Break in meinem Leben“, sagt Grüne. Man bezahlt dafür, dass man täglich mindestens 123km auf dem Rad sitzen und den afrikanischen Kontinent auf Geröllpisten, Sandwegen oder mit Schlaglöchern übersäten Asphaltstraßen durchqueren darf. Es gibt drei Mahlzeiten am Tag, dazu reichlich Powerriegel. Das Gepäck wird im Truck transportiert, aber sein Zelt muss man auch nach regennassen 8 Stunden im Sattel selber aufbauen. Privatsphäre gibt es keine, meistens kein fließend Wasser und Toiletten sind ein Luxusgut. „Man kann sich nicht vorbereiten. Man kann auf dem Rad trainieren, ins Fitness-Studio gehen, lernen, sein Rad zu flicken. Aber auf die Erlebnisse, die man hier erfährt, kann man sich weder mental noch körperlich vorbereiten“, zieht Hardy Grüne sein persönliches Fazit nach zwei Monaten im Sattel. Bevor es nun im tansanischen Mbeya drei Tage Urlaub von den Strapazen gab, begann auch die Regenzeit. „Acht Tage Off-Road, nur Schlamm und Regen. Das alleine reicht eigentlich schon. Aber wenn du dich dann nicht mal waschen kannst, geschweige denn auch nur noch ein trockenes Kleidungsstück besitzt, dein Zelt durchgeweicht ist, dann hat man seine persönlichen Grenzen schnell erreicht.“
Organisiert wird die Reise von einem kanadischen Unternehmen. Die „Tour d’Afrique LTD“ startete 2003 die erste Tour in Kairo mit 33 Teilnehmern. Seitdem hat sich die Firma stetig vergrößert und bietet auch andere außergewöhnliche Radreisen an. Bei der Afrikatour sind sechs Festangestellte und zahlreiche Helfer dabei. Neben einem LKW, der außer dem Gepäck der Fahrer auch Verpflegung und Räder transportiert, sind einige Kleinbusse im Aufgebot. Zudem gehören ein Arzt und ein Mechaniker zum Team. „Die Organisatoren sehen sich als Hilfesteller“, sagt Grüne. „Wir müssen uns um alles selber kümmern, haben aber die Möglichkeit, uns bei Fragen ans Team zu wenden. Wenn mein Rad kaputt ist, dann stellen sie mir das Werkzeug, reparieren muss ich es alleine, es sei denn, ich komme wirklich nicht weiter. Auch um die Visa musste sich jeder Teilnehmer selber kümmern. Wir können uns aber darauf verlassen, dass es drei Mahlzeiten am Tag gibt, und die schmecken ausnahmslos grandios“, erzählt er weiter. „Und es gibt natürlich auch ein gutes Gefühl, wenn du vor Erschöpfung nicht weiterfahren kannst und weißt, irgendwann kommt halt noch der Besenwagen und du kannst dich einfach ins Camp fahren lassen.“
Gestartet wird jeden Morgen um sechs Uhr – wegen der Hitze. Wenn dann am frühen Nachmittag das Camp erreicht ist, wird die restliche Tageszeit zum Radputzen und Regenerieren verwendet. „Der Abend ist früh zu Ende, um acht schlafen alle schon“, berichtet Grüne.
Die Teilnehmer der Tour d’Afrique kommen von überall her. Von den 63 Startern sind 28 für das eigentliche Rennen gemeldet. Alle anderen fahren zeitlos. Jede Etappe wird gewertet, zusätzlich gibt es Einzelzeitfahren und Bergpreise. Besonders heiß ist jeder Teilnehmer auf den Gewinn des „EFI“. Aus dieser Wertung, jeden Zentimeter der Tour („Every Fabulous Inch“, im Camp nur „Every Fucking Inch“ genannt) geradelt zu sein, sind mittlerweile aber die Hälfte der Fahrer schon ausgeschieden. Körperliche Schwächen oder Materialschäden zwangen viele, zumindest eine Etappe vorzeitig zu beenden oder einfach mal einen Tag im Truck mitzufahren. Zu gewinnen gibt es am Ende der Tour nichts. Zwar werden in einer feierlichen Abschlusszeremonie Kapstadt die Gesamtsieger Männer/Frauen gekürt, ebenso der schnellste Etappenfahrer und der Gewinner/in des EFI. Aber außer einer Urkunde und einem Trikot für jeden Teilnehmer gibt es keinerlei materiellen Gewinn. Das Abenteuer an sich ist für jeden Fahrer die größte Belohnung.
Hardy Grüne kommt durchnässt ins Camp. „Das war der härteste Tag in meinem Leben“, sagt er. „Wieder einmal. Das habe ich in den letzten Wochen schon so häufig gesagt. Aber ich werde es vermissen. Morgens mit der Schaufel hinters Zelt zu gehen, um mein Geschäft zu verrichten, dass mir der Hintern schmerzt, dreckige Klamotten. Freuen tue ich mich jetzt allerdings schon auf das erste Fußballspiel meiner Göttinger 05er und meine heimische Radstrecke.“

Donnerstag, 3. Februar 2011

In eigener Sache: ARD und ZDF steigen aus

ARD und ZDF steigen also ab 2012 aus der Radsportberichterstattung aus... Na klasse. Gestern als mich die offizielle Nachricht erreichte, da war ich doch geschockt. Ich hatte die ganze Zeit noch die (naive) Hoffnung, dass es im nächsten Jahr wieder besser wird. Das ich endlich wieder mehr Informationen bekomme, vielleicht auch andere Rennen mal wieder übertragen werden. Nun also nicht.
Gut, als Radsportfan guckt man eh Eurosport. Die, die mit voller Leidenschaft diesen schönen Sport übertragen. Warum rege ich mich also eigentlich darüber auf? Das ist eine Frage, die man zu Recht stellen darf. Die öffentlich-rechtlichen Sender haben sich selber eine Grube gegraben. Sie haben selber Schuld, dass die Menschen nicht mehr einschalten. Aber sie haben mit ihrer Programmpolitik auch viel mehr ausgelöst und da wäre es meines Erachtens nur fair, auch mal den Rückwärtsgang einzulegen. Ich treffe jedes Jahr im Sommer zahlreiche Menschen auf der Straße, mit denen ich über die Übertragung rede. 2008 und 2009 als ich als Freie Journalistin über das ZDF akkreditiert war, da wurde ich häufig beschimpft. Nicht zuletzt von Jens Voigt, einem meiner echten Radsporthelden. Da steht dann der kleinste Mann/Frau und muss sich Dinge sagen lassen, die die Programmverantwortlichen niemals hören. Mir hats wirklich weh getan. Ich bin in erster Linie immer noch großer Sport-, und vor allem Radsportfan. Mit tut es ebenso weh, wenn ich sehe wie mit dieser Sportart, und auch anderen Sportarten umgegangen wird.
Es ist wie überall. Die Großen bekommen noch mehr vom Kuchen, die Kleinen gucken zu. Das ist auch beim Fußball so. Beim Biathlon. Auch hier wird nur über die Großen berichtet. Schon von der dritten Fußball-Liga bekommt man nichts mehr mit. Nachwuchsbiathlon? Also ich hab da noch nicht viel gehört.
Und das ist ja auch gerade das was so traurig ist. Selbst die kleinen Lokalzeitungen schließen sich häufig an (auch weil sie immer seltener unabhängig sind...)und berichten seitenweise über Bundesligaklubs, anstatt über den regionalen Sport zu erzählen. Mit wem soll sich denn ein 10-jähriger Steppke identifizieren? Und wie sollen Kinder Lust und Spaß einem Sport gegenüber entwickeln?
Gestern hab ich nun aus einer spontanen Idee heraus eine neue facebook-Gruppe gegründet. "Wir stehen zum Radsport-Cycling forever". Und was ist passiert? Inerhalb eines Tages haben wir fast 700 Mitglieder. Ich bin überwältigt.
Mein Fußballverein Altona 93 hat 203, das "Großstadtrevier" 556 und die Band "kettcar" 1822... ich finde das wirklich gigantisch!!

Jeder der Lust hat ist in der facebook-Gruppe Willkommen:
"Wir stehen zum Radsport-Cycling forever"

Mittwoch, 26. Januar 2011

100 Jahre Berliner Sixdays




Alle Bilder stammen von den Zürcher Sechstagerennen. Copyright by ROGER GLANZMANN. Von oben: Marcel Barth,die beiden Schweizer Claudio Imhof und Silvain Dillier, Christian Grassman und Leif Lampater und Sven Krauß mit Andreas Müller. Außer Krauß stehen alle in Berlin am Start.


Im Dezember 1908 wurde die Idee „Berliner Sechstagerennen“ geboren. „Rad-Welt“ Chefredakteur Fredy Budzinski saß mit zwei Geschäftsleuten im Restaurant Dressel, damals eine der besten Adressen Berlins, und sie dachten sich dieses Event aus. Im New Yorker Madison wurden bereits seit 1899 Sechstagerennen ausgetragen und Budzinksi war der Meinung, dass Berlin ein perfekter Schauplatz für ein solches Event sein würde. Die heimische Presse betitelte das Rennen nach Bekanntgabe jedoch als „Zirkus des Irrsinns“. Die Berliner Bevölkerung aber kam zur Jubiläumsveranstaltung in Scharen. Als am 15. März 1909 um 22:00 Uhr durch den Radrennfahrer August Lehr der Startschuss ertönte, war die Halle am Zoologischen Garten fast überfüllt. 15 Mannschaften kämpften sechs Tage und sechs Nächte um den Sieg. Am Ende hatten die beiden Amerikaner Jimmy Morant und Floyd MacFarland die Nase vorn und siegten.
Zwei Jahre fanden die Berliner Sixdays in der Austragungshalle am Zoologischen statt, ab 1911 zogen sie in den neu erbauten Berliner Sportpalast. Otto Ziege, einst Sportlicher Leiter der Sixdays, sagte 2010: „Ohne den 1910 eröffneten Sportpalast hätten sich die Sechs Tage von Berlin wahrscheinlich nie zu einem solch tollen Volksfest entwickelt. Der Sportpalast war einzigartig. Berlins größte Kneipe für ganz normale Menschen. Hier fühlte man sich wie eine große Familie. Schade, dass die Zeit vorbei ist“.
Das Radevent war eine der exzessivsten Partys im Kaiserreich und auch heute ist die Stimmung im Velodrome kaum vergleichbar mit ähnlichen Veranstaltungen. Schon immer waren die Berliner Sixdays ein Fest für Jedermann. Die einfachen Leute standen früher in der zweiten Galerie, dem sogenannten Heuboden. Von ihnen ertönten die Pfiffe, mit denen einst dder „Sportpalastwalzer“ populär wurde. Die besser Betuchten dagegen nahmen in einer der zahlreichen Logen Platz. Als gesellschaftliches Erlebnis war das Sechstagerennen schon immer hoch angesehen und in den Goldenen 1920er Jahren fand die Veranstaltung deshalb sogar zwei Mal jährlich statt. Berühmte Sportler, vor allem Boxer wie Schmeling, Scholz oder Klitschko, nahmen die Einladung der Veranstalter gern an und besuchten das Event. Aber auch Berthold Brecht oder Hans Albers folgten den Einladungen der Organisatoren.
6 Tage und 6 Nächste mussten die Sportler am Anfang durchgehend fahren. Geschlafen wurde nur in den kurzen Ruhephasen, und am Ende des Rennens waren die Sportler so kaputt, dass sie regelrecht vom Rad kippten. Wenn während des Rennens die Spannung nachließ, die Fahrer langsamer wurden, meldete sich regelmäßig der Hallensprecher und rief Sonderprämien aus. 10 Dollar, Champagner oder feine Herrenhemden waren gern gesehene Geschenke und auf der Bahn ging wieder die Post ab.
1934 wurde das Sechstagerennen von den Nazis verboten und nach Ende des Zweiten Weltkriegs 1945 lag der Sportpalast in Trümmern. 1949 fanden auf einer kleinen Bahn in der Sporthalle am Funkturm mit 28 Fahrern die ersten Nachkriegs-Sixdays statt. Nach dem Wiederaufbau des Sportpalasts fand das Spektakel wieder an alter Wirkungsstätte statt, bis 1973 die legendäre Halle endgültig abgerissen wurde. Von 1990 bis 1996 fand kein Sechstagerennen statt. Nach einem Gastspiel in der Berliner Deutschland Halle zogen die Berliner Sixdays 1997 ins neue Velodrome an der Landsberger Allee. Bis heute ist das Berliner Radevent das am meisten Ausgetragene weltweit. 75.000 Besucher finden jährlich den Weg ins Velodrome, um noch immer für eine einzigartige Atmosphäre zu sorgen. Mit zahlreichen Event-Highlights sorgen die Organisatoren dafür, dass Tradition und Zukunft vereint werden. Familienkarten von 40 Euro (egal wie viele Kinder) für den sonntäglichen Familientag, U23-Nachwuchssixdays und ein stimmungsvolles Rahmenprogramm machen die Sechs Tage von Berlin zu einem großen Volksfest.
Für die Jubiläumsverantaltung sind die 250 Meter gewölbte Holzplanken in zweiwöchiger Kleinarbeit geschliffen worden. Acht Weltmeister und sechs Europameister werden am Start der 100. Sixdays sein. „Das beste Starterfeld, das wir je hatten“ erzählt der Sportliche Leiter der Veranstalter, Dieter Stein, mit leuchtenden Augen. Gute Nachrichten hatten die Organisatoren vor Beginn des Radevents zu verkünden. Bis 2017 ist die Finanzierung des Berliner Sechstagerennens gesichert, danach gibt es sogar eine Option bis 2022.

Donnerstag, 20. Januar 2011

In eigener Sache

2005 veröffentliche ich beim Agon Sportverlag den "Reiseführer Tour de France". Da mir in jedem Jahr zahlreiche Menschen währen der Tour de France begegnen, die mit diesem Buch unterwegs sind, habe ich also versucht einen verlag für eine Neulauflage zu gewinnen. Das ist mir gelungen. In Österreich fand ich Egon Theiner und gemeinsam beschlossen wir, für das Frühjahr 2011 eine Neuauflage zu planen. Nun ist es so weit. Das Buch kann vorbestellt werden :-) Ich bin zudem fleißig am arbeiten. Sollte jemand Tipps oder Änderungswünsche haben, dann immer her damit!!

http://www.egoth.at/tdfsite.php

Donnerstag, 13. Januar 2011

Tour Down Under

Die Tour Down Under hat seit der Saison 2008 einen festen Platz im UCI-Pro-Tour-Kalender. Statt findet die TdU aber bereits seit 1999. Sie hat sich stetig entwickelt und ist vor vier Jahren zu recht in die höchste Radsportklasse aufgenommen worden. Seitdem trifft sich jährlich im Januar die Radsportelite in Adelaide. Was einst als Idee der Tourismusbehörde entstanden war, hat sich mittlerweile zum größten Rad-Event Australiens gemausert. Die Organisatoren machen gute Arbeit und die Besucher kommen in jedem Jahr zahlreicher. Auch, weil es viele Veranstaltungen im Bezirk Adelaide gibt, an dem man teilnehmen kann.
Die Strecke der Tour Down Under führt rund um Adelaide an besondern attraktiven Gegenden vorbei. Die Tour Down Under startet mitten im australischen Sommer. Das ist vor allem für europäische Teams großer Anreiz. Viele Fahrer nehmen das Rennen zur Saisonvorbereitung für die Frühjahrsklassiker, das vor allem für die Sprinter sehr interessant ist. Bei der Tour Down Under gibt es kein Zeitfahren oder richtige Beretappen. In diesem jahr erwartet man ein spannendes Duell zwischen Marc Cavendish und André Greipel. Die beiden Top-Sprinter fuhren in der letzten Saison noch im selben Team und treten nun erstmals gegeneinander an. Greipel ist zudem der Vorjahressieger.
Besonders attraktiv ist das Rennen auch für die australischen Profis. Rogers, Evans und Renshaw sind nur einige von Ihnen. Zu Tausenden strömen die Aussies im Sommer nach Frankreich, um ihre Helden anzufeuern. Gerade auch ihrem sympathischen Auftreten ist es zu verdanken, dass die Tour Down Under immer mehr an Attraktivität gewinnt.
Die Tour Doun Under ist ein echtes Cycling-Festival. Jedermann-Rennen für ambitionierte Radler gibt es ebenso wie für Kids, zudem gibt es Shuttlebusse für die Fans, die an die besten Stehplätze der Tagesstrecke gebracht werden. Die Gegend rund um Adelaide gleicht einem riesigen Volksfest zur TdU-Zeit.
Die Gesamtstrecke beträgt 785 Kilometer, dei auf sechs Etappen zurückgelegt werden müssen. In diesem Jahr wird dasd Intersse auch wegen Lance Armstrong sehr hoch sein. begann er 2009 seine zweite Profikarriere in Australien, so wird der Texaner nun seine Karriere eben hier beenden. Es wird sein letztes Profirennen außerhalb der USA sein.
Cadel Evans ist in diesem Jahr nicht am Start, dass hat seine Landsleute sehr traurig gestimmt. Evans möchte seinen ganzen Fokus jedoch auf die Tour de France legen. Und sollte er die gewinnen, dann haben ihm auch die Aussies verziehen :-)
Wer mehr wissen möchte über die Tour Down Under findet weitere Infos unter http://www.tourdownunder.com.au
Leider wird es nicht liev übertragen, so dass Interessierte nur mit dem Internetfernsehen vorlieb nehmen müssen...

Mittwoch, 5. Januar 2011

Als der „Kannibale" über die Pyrenäen flog


Wer meint, dass die Fahrer der Tour de France am Ruhetag faul in der Sonne liegen, der irrt gewaltig. Drei bis vier Stunden lockeres Training, dazu ausgedehnte Massagen und zahlreiche Interviewtermine warten auf die Helden der Straße.
Zeit genug also, um die regionale Tourgeschichte von Pau mal etwas genauer unter die Lupe zu nehmen. Pau ist ein höchst flexibler Tourgastgeber. Je nachdem aus welcher Richtung das Peloton kommt, sieht man hier packende Sprintankünfte oder verabschiedet die Fahrer in die Berge.
1930 machte die Tour de France zum ersten Mal Halt in der Stadt am Eingang der Pyrenäen. Der Italiener Alfredo Binda sicherte sich damals den Etappensieg. Seitdem stoppte das Peloton 61 weitere Male in Pau und schrieb dabei mehrfach Tourgeschichte (62. Mal 2008).
Unvergessen das Jahr 1980, als der Bretone Bernard Hinault auf der zwölften Etappe sein Gelbes Trikot mühevoll gegen den Niederländer Joop Zoetemelk verteidigte und sich dafür tüchtig feiern ließ. Spät abends verkündete Hinault dann aber völlig überraschend seinen sofortigen Ausstieg aus dem Rennen. Er leide an Kniebeschwerden und könne das Rennen daher nicht fortsetzen, hieß es zur Begründung. Der späte Abgang löste Hektik und Chaos aus. Die Medienvertreter hatten ihre Berichte über die Etappe selbstverständlich längst ihren Arbeitgebern übermittelt, und die Zeitungen waren allerorts in Druck - natürlich mit Hinault in Gelb auf der Titelseite! Nach Hinaults spätem Ausstieg musste nun alles umgeschrieben werden, und im Zeitalter ohne Handy und E-Mail hatten die Journalisten allergrößte Probleme, die Neuigkeiten an die zuständigen Redakteure weiterzuleiten und die Druckmaschinen anzuhalten. Hinault, der sich ohnehin gerne einen Spaß mit den Medien machte, hatte also trotz seines traurigen Tourendes noch etwas zu Lachen.
1991 lenkte dann Urs Zimmermann den Blick auf sich. Wegen seiner Flugangst war der Schweizer von Nantes nach Pau nicht, wie es das Reglement vorsah, geflogen, sondern mit dem Auto gefahren. Nachdem ihn die Rennleitung daraufhin gnadenlos disqualifiziert hatte, zeigte sich das Peloton beim Start in Pau aber solidarisch und verharrte so lange am Zielstrich, bis auch Zimmermann in den Sattel steigen durfte.
Aus deutscher Sicht sind die Jahre 1977 und 1997 in bester Erinnerung, als Didi Thuaru und Erik Zabel in Pau jeweils eine Etappe gewannen.
Tourgeschichte schrieb man aber auch rund 20 Kilometer weiter westlich von Pau in Mourenx. Nachdem dort in den 1950er Jahren größere Gasvorkommen entdeckt worden waren, hatte man das Örtchen Mourenx-Ville-Neuville aus dem Boden gestampft und tausende von nordafrikanischen Arbeitern angesiedelt. Als die Tour de France 1969 erstmals in Mourenx-Ville-Neuville vorbeischaute, verschaffte dies dem recht nüchternen Ort ungewohnte Präsenz in den landesweiten Medien. Grund war Tourneuling Eddy Merckx, der am 15. Juli 1969 regelrecht über die Pyrenäengipfel flog und mit acht Minuten Vorsprung in Mourenx-Ville-Neuville über den Zielstrich radelte. Seinen Verfolgern Raymond Poulidor und Roger Pingeon blieb nur das Staunen und die Erkenntnis, dass die Tour 1969 angesichts von 16 Minuten Vorsprung für Merckx wohl einen vorzeitigen Sieger gefunden hatte. Die Stadtväter von Mourenx aber waren hellauf begeistert. Merckx Husarenritt hatte ihre triste Industriegemeinde endlich einmal in die Positivschlagzeilen gehievt.
Dreißig Jahre später bedankte sich der Ort auf angemessene Art und Weise bei der belgischen Radsportlegende. Ein neu erbautes Velodrom erhielt damals den Namen „Velodrome Eddy Merckx“ und wurde selbstverständlich mit einer Tour-de-France-Etappe eingeweiht. Am 22. Juli 1999 startete das Peloton von Mourenx-Ville-Neuville aus in Richtung Bordeaux. Ehrengast war natürlich der belgische „Kannibale“, dem man in Mourenx-Ville-Neuville so viel verdankt. Heute ist das Radstadion regelmäßig Schauplatz regionaler Rennen und lockt zudem zahlreiche Eddy-Merckx-Fans an.